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Der Vater aller Trolle

Wer hat noch nie bei einem nächtlichen Spaziergang im dunklen Wald einen Troll gesehen? Ein zerzauster Kopf erscheint hinter einer großen Felszacke, oder ein glänzendes Trollauge lugt zwischen massigen Baumstümpfen hervor. In keinem anderen skandinavischen Land gehören die Trolle so fest zu Kultur und Erzähltradition wie in Norwegen. Im durchaus wörtlichen Sinne spielen die Trolle sowohl in der Folklore als auch im Märchen eine große Rolle. Aber warum gerade in Norwegen? Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Im übervölkerten Europa stellt Norwegen nach wie vor ein Königreich der Natur dar. Tief in den schier endlosen Wäldern herrscht noch genau jene Ruhe wie vor Tausenden von Jahren. Dort in den Wäldern hat das moderne Leben keinerlei Bedeutung. In dieser Stille im Angesicht des mächtigen Rhythmus der Natur kommt sich der moderne Mensch, der seine Existenz in Stunden und Minuten misst, ziemlich hilflos vor.






Der riesige Wald singt seine immerwährende Weise. Ein mit grauem Bart behangener, altersschwacher Baum stürzt krachend in die Wälder und liegt dort wie vom Wind gefällt zwischen neuen Schösslingen, neuen Bäumen. Die Jahreszeiten kommen und gehen, Sommer und Winter, Frühjahr und Herbst, in unabwendbarer Wiederholung. Hier herrscht die Ewigkeit.Dort leben die Trolle. Der Troll ist norwegisch, der Naturgeist der norwegischen Wälder. Er ist nicht leichtfüßig wie der griechische Faun, der auf kahlen, sonnenüberfluteten Hügeln herumtollt. Nein, er ist schwerfällig, dunkel und überwuchert. Er ist ein großer gehender Wald und Berg.

Mit diesen Worten aus seinem 1974 veröffentlichten Buch beschreibt Kitteisens Biograph Odd Hølaas sehr treffend einige typische Eigenschaften norwegischer Trollgeschichten. In ihnen hallt wider, was jeder Norweger angesichts der riesigen, unendlichen Fichtenwälder empfindet, von denen Norwegen wie von einem dunkelgrünen Mantel bedeckt ist. Hølaas nennt dies unsere Angst vor der Natur, Angst vor den Wäldern, eine tief in uns verwurzelte Angst vor dem Dunkel, die uns nie ganz loslässt. Die norwegische Natur ist eine unerschöpfliche Quelle immer neuer Märchenphantasien und Geschichten über Trolle.


Hinzu kommt die glückliche Verbindung von Tradition und Theodor Kitteisens Kreativität als Zeichner, die Trollfiguren hervorgebracht hat, die den Norwegern nicht weniger vertraut sind als das Abendgebet und Käse aus Ziegenmilch. Diese seltsamen, moosbedeckten, verrenkten Gestalten, die des Nachts umherstreunen oder wie versteinert dastehen, sind zu einem festen Bestandteil der norwegischen Kultur geworden. Jeder Norweger weiß, wie die Trolle vom Hedalwald aussehen oder der Troll mit den drei Köpfen, der die Prinzessin im blauen Berg gefangen hält. Kitteisen hat sie uns gezeigt, und wir werden sie niemals vergessen. Nur wenigen norwegischen Zeichnern oder Malern ist es so gut gelungen, diese seltsamen Kreaturen und die verzaubernde Atmosphäre der norwegischen Natur auf Papier oder Leinwand zu bannen wie Theodor Kitteisen. Kitteisens künstlerischer Gebrauch des Mediums Zeichnung mit seinen schwarzen und weißen Kontrasten und Graustufen ist in der norwegischen Kunst ein Kapitel für sich. Von den Erzählungen des Volkes fanden die Trolle schließlich ihren Weg in die Literatur. Als Henrik Ibsen in seinem dramatischen Gedicht Peer Gynt die dunkle Seite des norwegischen Charakters darstellen wollte, setzte er Trolle dafür ein. Wenn der Dovregreis Peer Gynt nach dem Unterschied zwischen Mensch und Troll fragt und der habgierige und ehrgeizige Peer ohne zu zögern antwortet, er wüßte nicht, wo da ein Unterschied wäre, erwidert der Bergkönig schlagfertig: Bei den Menschen heißt's: "Mann, sei du selber!" - und hier drinnen bei uns, nach trollischem Fug, heißt es : "Troll, sei dir selber - genug!" Peer Gynt schließt einen Pakt mit den Geistern und bezahlt seinen Preis dafür. Dennoch gibt es bei den norwegischen Trollen aber auch einen gewissen symphatischen Zug. Sie sind zwar angsteinflößend und mächtig, aber auch ziemlich dumm, und können von einem flinken, schlagfertigen jungen Menschen oder einem tapferen Soldaten leicht ausgetrickst werden. Daher lesen wir diese Geschichten mit einer Mischung aus Angst und Vergnügen. Sie gehen immer gut aus für den ungehorsamen Menschen, der den Trollen mutig gegenübertritt, und sind voller gesundem Menschenverstand, gefälliger Phantasie und Humor. Die Wurzeln dieser Märchen lassen sich heute nur noch schwer ergründen. Legenden und Märchen wandern zwischen den Ländern und Kontinenten umher. Bei jedem Zwischenstopp, den sie auf ihrer Reise einlegen, kommen neue, ganz eigene örtliche Färbungen und linguistische Formen hinzu. In Norwegen wurden die Märchen zweifelsohne mit den Altnordischen Legenden und ähnlichen Motiven aus den Heldensagen verwoben.




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