Wo in der Welt wohnen die Asen - und wo wohnen wir?
Am Anfang war alles Urwald und Einöde. Aber die Asen glichen Pionieren. Sie schufen
Lebensraum für sich selbst und uns. Midgard nannten sie die Wohnstätte der Menschen, da sie
mitten in der Welt liegt. Und im Zentrum von Midgard bauten die Götter damit die Menschen
sich nicht allein und verlassen fühlen sollten für sich selbst einen gewaltigen Wohnsitz:
Asgard eine mächtige Götterburg, beschützt von dicken Mauern. Um dorthin zu gelangen, muß
man über den Regenbogen reiten eine Brücke aus loderndem Feuer. Auch um Midgard herum
wurde ein Schutzwall angelegt - denn draußen, im Wilden und Unbekannten, herrschen
Dunkelheit und unheimliche Kräfte. Hier in Utgard und Riesenheim (Jötunheim) wohnen Riesen
(Jöten) und Trolle. So hat alles seine Ordnung wie die Jahresringe eines Baums. Und ganz
weit draußen an allen Kanten wogt das große Weltmeer.
Aber gibt es nicht auch Zwerge und Elfen auf der Welt?
Und ob! Aber auch Zwerge und Elfen haben ihre Wohnstätte. Die Zwerge hausen gewöhnlich in
Felswänden und zwischen Felsblöcken, häufig auch im Innern der Erde. An versteckten Orten in
Midgard und Utgard. Sie sind tüchtige Schmiede, wobei man ihnen jedoch nie ganz trauen
kann... Die Elfen demgegenüber sind sowohl Göttern als Menschen freundlich gesinnt.
Alfenheim wird ihr Land genannt. Einige meinen, Alfenheim liege innerhalb der Mauern von
Asgard; andere meinen, es sei in Midgard zu finden. Über Zwerge und Elfen herrscht große
Unsicherheit. Einige meinen sogar, sie gehören zu ein und demselben Geschlecht und sollten
"Lichtalfen" und "Schwarzalfen" genannt werden. Einst gab es noch ein anderes
Göttergeschlecht als die Asen Wanen wurden sie genannt. Sie wohnten in Wanaheim. Ihre Burg
aber wurde dem Erdboden gleichgemacht, und kein Mensch weiß heute mehr, wo dieser Ort
liegt...
Hat die Welt ein Zentrum?
Mitten in Midgard liegt Asgard - und mitten in Asgard haben die Götter einen "Hofbaum"
gepflanzt, eine riesige Esche, genannt Yggdrasil. Eine ihrer Wurzeln liegt in Asgard, eine
weitere in Riesenheim und eine dritte in Niflheim. Ihre Zweige ragen so weit, daß sie die
ganze Welt überschatten. Yggdrasil ist das Zentrum der Welt und solange der Baum grün ist
und fruchtbar und neue Triebe trägt so lange wird die Welt bestehen.
Wer kennt das Schicksal; wer kann Kommendes voraussehen?
In unmittelbarer Nähe einer Quelle in Asgard leben drei Schicksalsgöttinnen - Urd, Werdandi
und Skuld. Sie werden Nornen genannt. Die Nornen kennen das Schicksal eines jeden lebenden
Wesens, und sie wissen, wie es einem jeden ergehen wird. Manche meinen, es gebe mehr Nornen
als diese, unter Elfen und Zwergen. Auch unter den Menschen gebe es Frauen, die mehr sehen
als andere. Eine solche Seherin oder Sibylle wird Wölva genannt. Der Name bedeutet
"Stabträgerin". Ihr Stab ist Symbol für ihre übernatürlichen Kräfte. In Trance kann sie mit
der Geisterwelt Verbindung aufnehmen. Sie kennt zahlreiche wirkungsvolle Zauberlieder.
Odin hat viele Söhne. Es hat keinen Sinn, sie alle zu nennen. An Heimdall kommen wir jedoch
nicht vorbei. Er wurde vor Urzeiten auf wunderbare Weise von neun (!) Riesen-Mädchen geboren
und ist der Wächter der Götter. Er wohnt am Himmelsberg und bewacht die nach Asgard führende
Regenbogenbrücke Bifröst. Heimdall braucht weniger Schlaf als ein Vogel; er sieht nachts
ebenso gut wie am Tage und kann das Gras wachsen hören... Heimdall besitzt das Horn
Gjallarhorn, in das er am letzten Tag blasen soll, um die Asen zum letzten großen Kampf
gegen Trolle und dunkle Mächte zu den Waffen zu rufen.
Balder ist der Sohn von Odin und Frigg. Er ist bekannt für seine Freundlichkeit, Milde und
Klugheit. Balder hat schlechte Träume und fürchtet sich davor, zu sterben; aber dank seiner
Mutter die mächtigste aller Göttinnen von Asgard schwören alle belebten Wesen und
unbelebten Dinge, daß sie ihm niemals etwas antun werden. In Asgard vergnügen sich die
Götter nun damit, spielerisch auf Balder zu schießen, da er ja weder getötet noch verwundet
werden kann. Frigg jedoch hatte vergessen, den Mistelzweig zu befragen ihrer Meinung nach
war er zu klein und unansehnlich. Das kommt dem Intriganten Loki zu Ohren, und mit List
stachelt er den blinden Höd dazu an, Balder zu erschießen. Die Asen senden berittene Boten
ins Totenreich, damit sie um Balders Rückkehr bitten. Hel, die Königin des Totenreichs sagt,
wenn die ganze Welt um Balder weine, solle er wieder lebendig werden. Und alle Dinge und
alle Wesen selbst Steine und Bäume versuchen (vergeblich), den Toten ins Leben
zurückzuweinen.
Wer sind Götter und dabei Feinde der Menschen?
Man kann sie Hrimthursen oder Trolle und Riesen (Jöten) nennen. Sie wohnen in Utgard und
Riesenheim (Jötunheim) - in der Einöde und im rauhen Gebirge. Sie sind die Chaoskräfte,
häufig große und starke Kerle. Der einzige unter den Asen, der ihnen wirklich gewachsen ist,
ist der Donnergott Thor. Die Riesen aber sind wie niemand sonst der Zauberkünste mächtig.
Einmal zum Beispiel schufen sie aus Lehm einen mächtigen Raufbold ein künstliches lebendes
Wesen mit furchterregendem Aussehen neunzig Meilen groß und mit dreißig Meilen
Brustumfang! Die Jötun-Frauen werden Riesinnen genannt. Ihre Reittiere sind Wölfe, deren
Zaumzeug aus Kreuzottern besteht. Sie können häßlich sein wie die Nacht und echte Monstren,
aber sie können auch unglaublich schön sein... und so herrlich, daß selbst Odin sich mehr
als einmal zur Brautwerbung und wilden Liebesabenteuern hat verlocken lassen.
Eigentlich aber sind wohl Loki und seine Kinder weit gefährlicher!
Loki ist der Unruhestifter und Intrigant. Ursprünglich ein Riese, hat er jedoch in jungen
Jahren sein Blut mit dem Odins vermischt und wurde deshalb in den Kreis der Asen
aufgenommen.
Loki ist ein Spaßvogel, mit dem es am Ende jedoch aus und vorbei ist. Er verrät die Asen und
ist die Ursache für Balders Tod. Dafür wird er bestraft, indem er gefesselt wird - mit einer
Schlange über sich, die giftigen und ätzenden Eiter auf sein Gesicht tröpfelt. Seine Frau
Sigyn demgegenüber ist treu. Geduldig steht sie neben ihm, eine große Schüssel haltend, die
den tödlichen Eiter auffangen soll. Ab und zu aber muß sie sich entfernen, um die Schüssel
zu leeren. Dann tropft der Eiter direkt auf Lokis Gesicht, und er schüttelt den Kopf so
stark, daß die ganze Erde bebt. Das ist es, was man Erdbeben nennt. Loki hat Kinder in
Asgard. Außerdem aber hat er andere und dabei seltsamere Sprößlinge. Mit der Riesin Angrboda
ist er Vater des Fenriswolfs, der Midgardschlange Jörmundgand und der Hel, der Göttin des
Totenreichs. Und mit dem Hengst Swadilfari wurde er Mutter (!) des Pferdes Sleipnir.
Der Fenriswolf ist ein regelrechtes Monstrum von einem Wolf. Er wuchs in Asgard auf, wurde
aber sehr bald riesengroß, wild und wahnsinnig, so daß nur der Gott Tyr es wagte, ihm Futter
zu geben. Den Asen gelang es, die Zwerge zu beauftragen, gleichsam in Maßarbeit eine Fessel
herzustellen, wobei sechs Bestandteile Verwendung finden sollten: der Schall des
Katzentritts, der Bart der Frauen, die Wurzeln der Berge, die Sehnen der Bären, der Atem der
Fische und der Speichel der Vögel (deshalb haben die Katzentritte keinen Schall mehr, die
Frauen keinen Bart usw.). Und mit List gelang es ihnen, den Wolf so fest zu fesseln, daß er
sich kaum rühren konnte, und es wurde ihm ein Schwert in den Rachen geklemmt, so daß er nur
bewegungslos dasteht mit weit geöffnetem Rachen, ohne zubeißen zu können. Erst am Weltenende
wird er sich endlich losreißen...
Das zweite Kind, das Loki mit der Riesen-Frau Angrboda bekam, war eine Schlange. Die Asen
warfen sie ins Meer, wo sie mit der Zeit so unbeschreiblich groß wurde, daß man sie von da
an Midgardschlange nannte da sie die ganze Menschenwelt umgibt und sich selbst in den
Schwanz beißt.
Dennoch fragt es sich, ob nicht das letzte der drei Kinder von Loki und Angrboda Asen und
Menschen den größten Kummer bereitet hat. Es handelt sich um ein unheimliches Mädchen halb
weiß, halb blauschwarz. Sie wurde aus Asgard verwiesen und ließ sich hoch im Norden nieder.
Hier schuf sie ein unterirdisches Totenreich eine graue, kalte, feuchte Welt. Hel heißt
sie, und Hel ist auch der Name ihres Königinnen/Totenreichs. Nach Hel kommen alle, die an
Krankheit oder Altersschwäche sterben. Hier "leben" sie ein geborgenes "Schattendasein". Die
Todeskönigin selbst erinnert an einen Kadaver, und all ihr Hab und Gut trägt Namen, die an
das kalte "Leben" im Grab denken lassen. Wenn man in alten Zeiten meinte, "Wiedergänger"
gingen um, hieß es häufig: "Die Pforte zur Hel (Hölle) ist offen." Am letzten Tag werden Hel
und ihr Heer von Toten gegen die Asen kämpfen.